„Den Anfang machten die Damen“ - ein geschichtlicher Abriss des Dorfes Neuenheerse
  Vortrag von Lothar Hamelmann zur Eröffnung des Jubiläumsjahres „1150 Jahre Neuenheerse“

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„Als die Römer frech geworden,
zogen sie nach Deutschlands Norden,
vorne mit Trompetenschall,
ritt der General Feldmarschall....."

In diesem bekannten Studentenlied von J.V. von Scheffel wird zwar in erster Linie die Niederlage der Römer thematisiert, aber es wird auch deutlich, dass dadurch den germanischen Stämmen die Errungenschaften der römischen Zivilisation vorenthalten wurde, so u.a. der Kölner Karneval, wie Lothar Hamelmann mit einem Augenzwinkern feststellte.

Erst fast 800 Jahre später gelang mit dem Sieg des Frankenkönigs Karls des Großen

über die Sachsen der entscheidende Impuls für die weitere historische Entwicklung unserer Heimat. Nach dem militärischen Sieg erfolgte die Missionierung der eroberten Gebiete. In diesem Zusammenhang gründete im Jahr 868 der dritte Paderborner Bischof Luithard mit seiner Schwester Walburga das Damenstift Neuenheerse. Walburga wurde auch die erste Äbtissin der neugegründeten Institution.

Zur Stärkung des christlichen Glaubens erwarben die Kirchen zahlreiche Reliquien; für das Damenstift Neuenheerse wurden aus dem nordfranzösischen Sains-les-Marquions die Gebeine der Heiligen Saturnina überführt. Die Heilige Saturnina ist bis heute die Patronin und Namensgeberin der Stiftskirche; ihr Namensfest wird jedes Jahr im Mai mit großem Aufwand gefeiert.
Im weiteren Verlauf seines Vortrages erläuterte Lothar Hamelmann die beeindruckende Unabhängigkeit des Damenstiftes, die vor allem aus der besonderen Stellung der adeligen Stiftsdamen resultierte. Eine Stiftsdame musste nicht wie eine Nonne die Ewigen Gelübde ablegen, sie hatte Privatvermögen, eine eigene Wohnung und durfte das Stift jederzeit verlassen. Sie konnte lesen und schreiben, beherrschte die lateinische Sprache und studierte die Werke der Kirchenväter und sogar der antiken Philosophen. Das war allen anderen Frauen im Mittelalter verboten. Die besondere Macht der Äbtissin bestand sowohl in wirtschaftlicher wie auch in geistiger Hinsicht. Ihr gehörten nicht nur die Ländereien, sondern auch die Pfarrei und die Kirche. Aus heutiger Sicht ist es besonders erstaunlich, dass ihr die in der Pfarrei tätigen Kleriker unterstanden.
Die Bedeutung des Damenstiftes hatte natürlich auch Auswirkungen auf das Dorf Neuenheerse. Von der Gründung des Damenstiftes bis zu seiner Auflösung bildeten das Stift und das Dorf Neuenheerse eine Schicksalsgemeinschaft in Freud und Leid. Man durchlitt gemeinsam den Wahnsinn der verschiedenen Kriege. Diese trotz aller Konflikte bestehende Einheit fand ein jähes Ende. Durch den Reichsdeputations-Hauptschluss von 1803 kam das Hochstift Paderborn unter die Herrschaft Preußens. Das Stift wurde jedoch zunächst nicht aufgelöst, sondern in eine Versorgungsanstalt für bedürftige adelige weibliche Personen aller Konfessionen umgewandelt.
Als dann aber das Königreich Westfalen gegründet wurde - und Neuenheerse gehörte dazu - , hob König Jérome Buonaparte, jüngster Bruder Napoleons, 1810 das Stift auf. Der unter chronischem Geldmangel leidende König Lustik, wie Jérome auch genannt wurde, verkaufte zur Sanierung seiner maroden Finanzen sämtliche Güter des Stiftes.
Nach fast 1000 Jahren endete in Neuenheerse die Geschichte des Stiftes. Die Säkularisation hatte ganze Arbeit geleistet.
Die letzte Äbtissin Karoline von Dalwigk starb 1822 im Westphalenhof in Paderborn. Ihr Nachruf in der Neuenheerser Chronik zeugt von der hohen Verehrung, die sie bei den Dorfbewohnern genoss. Die Neuenheerser waren sich bewusst, dass sie ihre wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung dem Stift verdankten. Ein Erbe, das es zu erhalten gilt!
Zum Glück ließen sich die Deutschen weder durch die ungeheuerlichen Verbrechen der Nazis noch durch die furchtbaren Kriegsschäden entmutigen. In Neuenheerse war die erste große Aufbauleistung die Integration und Einbürgerung der Heimatvertriebenen. Es stiegen ja damit auch die Chancen, sich einmal wieder aufregend zu verlieben.
Mit der Gründung des Kollegs Sankt Kaspar im Jahre 1957 führten die Patres vom Kostbaren Blut die Tradition des Damenstiftes fort. Mit dem kleinen Unterschied: diesmal waren es Jungen. Im Internat sollten sie auf das geistliche Leben vorbereitet werden. Hier war ohne Zweifel ebenso ein belebendes Element in den Ort gekommen.
Für manche Neuenheerser war es nicht einsehbar, dass ihr viel älteres Dorf 1975 der Stadt Bad Driburg eingemeindet wurde. Aber auch das sorgte für eine Art Belebung, vor allem für Bad Driburg.
Für die Vision eines vereinten Europas zeigten die Neuenheerser ein bewundernswertes Engagement. Auf der Grundlage der gemeinsamen Verehrung der Heiligen Saturnina entwickelte sich eine intensive Partnerschaft zwischen Sains-les-Marquions und dem schönen Eggedorf.
stiftskirche01Lothar Hamelmann ist sich sicher, dass Neuenheerse auch in Zukunft ein liebenswertes, sympathisches, lebendiges Dorf bleiben wird, weil durch hervorragende Bildungsmöglichkeiten in Grundschule, Gymnasium und in den Ausbildungsbetrieben junge Familien in dem 1150 Jahre alten Neuenheerse ihre Heimat finden werden.

Neuenheerse möge leben, wachsen und blühen.
Neuenheerse vivat, crescat, floreat! Ad multos annos!

Diese Zuversicht wurde von den zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörern mit begeistertem Applaus unterstützt.

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Diese gekürzte Zusammenfassung wurde freundlicherweise von Lothar Hamelmann für "neuenheerse.de" zur Verfügung gestellt.

Fotos: Udalrike Hamelmann

 

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