stiftsmarkt2006txt

Chronik der Schützenbruderschaft

Das Schützenwesen hat seinen Ursprung in den zunftartigen Vereinigungen des 13. Jahrhunderts. Die Dörfer hatten im Allgemeinen keine Befestigungsanlagen und waren bei Überfällen den feindlichen Freibeutern oder Landsknechten schutz- und hilflos ausgeliefert. Zur Beendigung dieser Schutz- und Hilflosigkeit fand das Schützenwesen im Laufe der Zeit auch in den Dörfern Einzug, die eine Gemeinschaft von wehrfähigen Männern bilden konnten.

Der Schutz der Heimat war mit Kosten verbunden. In den Aufzeichnungen von Stiftsausgaben an die Schützen im Jahre 1593 werden die Schützenbruderschaften von Neuenheerse, Altenheerse und Kühlsen zum ersten Mal genannt. Den Auszahlungsaufzeichnungen ist zu entnehmen, dass die Äbtissin des Stiftes oberste und uneingeschränkte Herrin dieser Schützenbruderschaft gewesen ist.

„Den Newenhersischen Schützen entrichtet 1 1/2 molder gersten ist 12 Mark.“

„Den 21. April hat Cort Penen die von Kuleßen und Odenherse mit Ihrer Wehr zusamen gefurdert. Davon 6 ch, 1 prand (Mahlzeit).“

Durch diese Ersterwähnung gilt 1593 als das Gründungsjahr der Schützenbruderschaft im ehemaligen Stift Heerse. Ein Schützenbrief (Statut) aus dieser Zeit, der vielfach erst nach der Gründung einer Schützenbruderschaft ausgestellt wurde, ist bei den noch vorhandenen Akten des Stiftes und der Gemeinde Neuenheerse nicht erhalten. Man darf aber behaupten, dass unsere Schützenbruderschaft älter ist als diese erste schriftliche Aussage es kundtut. Als Beweis mögen die Schützenbriefe der Schützenbruderschaften Büren (1490), Brakel (1590) und Warburg (1591) dienen, die erst viele Jahre nach ihrer Gründung ausgestellt wurden.

Bis zum 30jährigen Krieg wird über die Schützenbruderschaft nichts berichtet. Außer an regelmäßigen Begleitungen von Prozessionen, gelegentlichen Festen und bei der „Einfuhr“ der Äbtissinnen im Jahre 1621 und 1648 wird sie nicht erwähnt. In Neuenheerse bekam das Schützenwesen durch die Neuordnung, welche die Äbtissin Claudia Seraphia zu Wolckenstein und Rodenegg im Jahre 1655 erließ, neues Leben. Diese Neuordnung, auch Schützenbrief genannt, gehört mit zu den ältesten Schützenbriefen des Hochstiftes Paderborn und wurde auf einem 44 x 31 cm großen Pergamentbogen niedergeschrieben. Diese Urkunde ist noch gut erhalten und wird im Staatsarchiv Münster aufbewahrt.

Zum nachweislich letzten großen Auftritt der Schützenbruderschaft im Stift Heerse kam es bei der Übernahme des Stiftes durch die neue Äbtissin Maria Carolina von Dalwigk im Jahre 1777.

Nach dem verlorenen Krieg gegen Frankreich kam es am 9. Februar 1801 zum Frieden zwischen der von Österreich angeführten Koalition und Frankreich. Als Entschädigung für die linke Rheinseite, die durch diesen Friedensvertrag endgültig an Frankreich abgetreten werden musste, wurde durch ein Abkommen vom 23. Mai 1802 zwischen Preußen und Frankreich das Fürstbistum Paderborn dem Staate Preußen zugeordnet. Der Übergang an Preußen hat das Schützenwesen im Stift in seiner Existenz nicht bedroht. Der König von Preußen hat die besondere Stellung der Schützenbruderschaften anerkannt.

Am 14. Oktober 1806 hat Preußen im Krieg gegen Frankreich die Schlacht bei Jena-Auerstädt verloren. Kaiser Napoleon I. errichtete 1807 das Königreich Westfalen. König wurde sein Bruder Jerome Bonaparte. Diesem Königreich wurde das Fürstbistum Pader-born zugeteilt. Erst unter dieser Fremdherrschaft fand das Schützenwesen im Stift sein Ende. In einer Überschätzung der militärischen Bedeutung der Schützenbruderschaften fürchtete die neue Regierung bewaffneten Widerstand und hob die Schützenbruderschaften deshalb auf.

In der Völkerschlacht bei Leipzig (16. - 19.Oktober 1813) wurde die französische Armee von den preußischen Truppen und ihren Verbündeten geschlagen. Hiernach zogen sich die Franzosen aus Preußen zurück, doch die Sicherheit der Bevölkerung konnte der preußische Staat noch nicht überall gewährleisten.
Nur zaghaft kam es in einigen Orten zur Neubelebung der Schützenbruderschaften, die diesen Schutz übernahmen. Die Schützenbruderschaften nannten sich von dieser Zeit an Schützengilden oder Schützengesellschaften. Die Führungskräfte der wiederbelebten oder neu gegründeten Vereinigungen bekamen preußische Dienstgrade mit entsprechenden Rangabzeichen. Die Schützenführer nannten sich fortan Oberst, Major, Hauptmann und Feldwebel.

Als im Jahre 1820 Paderborn preußische Garnisonstadt wurde und Soldaten den militärischen Schutz unserer Heimat übernahmen, mussten die Schützen ihre noch verbliebenen Waffen endgültig abgeben. Der Schützengesellschaft blieb nur noch die Pflege und Hege althergebrachter Traditionen und des Brauchtums. Sie machte es sich zum Grundsatz, für Glauben, Sitte und Heimat einzugestehen.

Mit der Gründung eines Vereins für die Jungschützen trat im Jahre 1853 nach jahrzehntelanger Pause die Schützenbruderschaft in Neuenheerse zum ersten Mal wieder in Erscheinung. Zum Schutzpatron ihres Vereins wählten die Jungschützen den hl. Johannes

Für den Jungschützenkönig diente als Zierde ein gestiftetes silbernes Kreuz mit Halskette. Das silberne Kreuz trägt die Inschrift:

„Dem Schützen-König zu Neuenheerse 1853“

Zum 300jährigen Bestehen der Schützengesellschaft feierte man in Neuenheerse vom 28. - 30. Mai 1893 ein großes Jubelfest. Riesige Zelte wurden auf dem Festplatz im Garten der Gastwirtschaft Wiederhold errichtet. Die Rede zum 300jährigen Schützenjubiläum in Neuenheerse wurde am 28. Mai 1893 vom Bauunternehmer Johannes Schmitz gehalten. Am 16. Mai 1901 ist von der einberufenen Generalversammlung des mittlerweile genannten Bürger-Schützen-Vereins eine 28 Paragraphen umfassende Satzung angenommen
 worden.

Zu einer schweren Entscheidung musste sich der Bürger-Schützen-Verein im Jahre 1936 durchringen. Der Verein stand vor der Frage, ob er sich als Schießsportverein dem Reichssportbund anschließen oder dem Westfälischen Heimatbund beitreten sollte, um der drohenden Auflösung durch die Nazis zu entgehen. Der Bürger-Schützen-Verein entschied sich für den Beitritt zum Westfälischen Heimatbund. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges kam das Vereinsleben völlig zum Erliegen. Auch das Jubelfest zum 350jährigen Bestehen der Bruderschaft im Jahre 1943 konnte wegen des Krieges nicht gefeiert werden.

In Neuenheerse setzte sich nach Kriegsende der damalige und über den Ort weit hinaus bekannte und unvergessene Pfarrer Ludwig Struckmann unermüdlich für das Aufleben der Schützenbruderschaft ein und machte sich um sie verdient. Für den 26. Mai 1948 lud Pfarrer Struckmann zu einer Versammlung in die Gaststätte Wiederhold ein. Nach Darlegung aller Gründe, die für ein Weiterbestehen des Bürger-Schützen-Vereins sprachen, erhielt dieser den neuen Namen

„St. Sebastians – Bruderschaft“

Am 13. Juni 1948 fand das erste Königschießen im Netheberg nach dem Zweiten Weltkrieg statt. Die Königswürde hatte der aus Schlesien vertriebene Heinrich Tanzmann errungen. Zur Königin erwählte er sich Christine Tewes (geb. Westerwell).

Zum 360jährigen Bestehen der Schützenbruderschaft und zur Erinnerung an die Gründung der Jungschützenbruderschaft vor 100 Jahren gab es 1953 zwei Königspaare mit Hofstaat. Die Königswürde bei den Altschützen errang Wilhelm Arens, Kalle Wägge 9. Er erwählte Frau Änne Knorrenschild zur Königin. Bei den Jungschützen wurde Josef Göhn, Paderborner Straße. 21, König. Er erkor Frl. Änne Rhode zur Königin.

Die Jahreshauptversammlung entschied am 26. Januar 1958 die Beschaffung von zwei neuen Fahnen, die bis heute getragen werden. An Stelle der bisherigen Saturninenfahne (blaue Fahne) erhielt die eine neue nun grüne Fahne auf der Vorderseite das Bild der Neuenheerser Kirche mit der hl. Saturnina und auf der Rückseite das Schützenkleinod mit dem Gemeindewappen sowie den vier Kreiswappen des Hochstiftes in den Fahnenecken.
Früher Fahne der Altschützen - Heute Fahne der Unterdorfkompanie.

Für die andere nun rote Fahne wählte man für die Vorderseite das Bild des hl. Sebastian und für die Rückseite das Wappen der Gemeinde.

Früher Fahne der Jungschützen - Heute Fahne der Oberdorfkompanie.
Die Mitgliederzahl der Schützenbruderschaft stieg ständig an. Um den kameradschaftlichen Zusammenhalt zwischen Alt- und Jungschützen zu fördern, kam es 1965 zu einer Umgruppierung der bisherigen Kompanien. Die Schützenbruderschaft wurde in eine Ober- und eine Unterdorfkompanie aufgeteilt.

Einer guten und langen Tradition folgend feierte die Bruderschaft vom 30.08. - 01.09. 1968 ein strahlendes Schützenfest zum 375-jährigen Bestehen.

Seit 1970 tragen die Schützen eine Schützenuniform. Zu ihr gehört: eine grüne Mütze, eine grüne Jacke, ein weißes Hemd mit grüner Krawatte, weiße Handschuhe, schwarze Hose und schwarze Schuhe.
Eine außerordentliche Mitgliederversammlung beschloss am 20. März 1974 eine neue Satzung, die sich auf die alten Schützenbriefe -Articels Briefe, das Modificirte Reglement, Verordnungen und Privilegien- stützte. Die Schützenbruderschaft ist seitdem unter dem Namen

„Schützenbruderschaft St. Fabian und Sebastian Neuenheerse e.V.“ im Vereinsregister eingetragen.

Seit 1975 wird beim Königschießen auch wieder der beste Jungschütze mit der Ehrenbezeichnung „Jungschützenprinz“ ausgezeichnet. Zum Zeichen seiner Prinzenwürde wird dem Jungschützen das im Jahre 1853 für den Jungschützenkönig angefertigte silberne Kreuz verliehen. Bis 1997 wurde der beste Jungschütze jährlich durch das Scheibenschießen im Kyffhäuserstand ermittelt. Seit dieser Zeit schießen sie mit Luftgewehr auf eine 2,20 Meter im Quadrat große Holztafel, auf der in Abständen von 20 cm elektrische Glühlampen angebracht sind, woran der hölzerne Vogel an dünnen, fast unsichtbaren Drähten hängt. Die Altschützen schießen traditionell mit einem Flintengewehr auf den hölzernen Adler.
Das 400-jährige Bestehen wurde vom 06. - 09.08.1993 mit einem „Großen Zapfenstreich, einem feierlichem Festakt, einem großem Festumzug mit Vorbeimarsch und dem Schützenfrühstück“ gefeiert.
Am 08.11.1996 beschloss eine außerordentliche Mitgliederversammlung eine neue Satzung, um den Forderungen des Amtgerichtes Brakel und des Finanzamtes Höxter als auch zeitgemäßen Formulierungen zu entsprechen. Die Tradition wurde vor allem in den Ausführungsbestimmungen gewahrt.
Die 50. Wiederkehr der Belebung des Schützenwesens nach dem Zweiten Weltkrieg wurde mit einem Festakt anlässlich der Schützennachfeier am 19.09.1998 in der Nethehalle gefeiert.
Die Kyffhäuserkameradschaft Neuenheerse übertrug im Jahre 2004 unserer Bruderschaft die Verantwortung und den Besitz Ihrer gepflegten Schießanlage in der Nethehalle. Die Schieß- und Übungsabende sind nun wöchentlich am Donnerstag.

Ausblick

Unser Schützenfest lädt seit Alters her jeden ein, sich einzubringen: als Schützenbruder mit seiner Persönlichkeit, diese Bruderschaft von innen zu beleben, als Gemeinde, ein Fest in guter Ordnung mit fröhlicher Stimmung frei von den Alltagssorgen zu gestalten und als Gast, freudige Gemeinschaft mit unserem Fest und unserem Dorf zu suchen. Diese Ausstrahlung bleibt dabei immer auch ein Spannungsfeld zwischen Wollen und Wirklichkeit.

Mit berechtigter Freude ist festzustellen, dass unsere Festumzüge, geprägt von der disziplinierten Marschordnung unserer Schützen, dem weithin leuchtend wogenden Blumenteppich über den Holzgewehren und dem anmutigen Bild der Königin mit ihren Hofdamen, ein außergewöhnlicher Anziehungspunkt für viele Gäste aus nah und fern sind.

Wir Schützen -jung und alt- zeigen in unseren Festumzügen beständig Verantwortung für Heimat, Tradition und Gegenwart und erteilen dabei der Ellenbogengesellschaft energisch eine Abfuhr.
Weitere Details sind der Chronik 1593 - 1993 und den jährlichen Niederschriften zu entnehmen.

Text: K-H. Schwarze

Impressum     Datenschutz     Kontakt     Links     Newsletter     Zustimmungsformular

Copyright © 2020 | neuenheerse.de | die Dorfseite
Zum Seitenanfang

hg2020 01 

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.